Vereinsgeschichte

Naturschutzarbeit auf örtlicher Ebene-

Entwicklung & Arbeit der NABU Gruppe Schauenburg

Naturschutzarbeit einer NABU Gruppe
Keimzelle der Naturschutzarbeit in Schauenburg war, wie in vielen anderen Vereinen, eine Jugendgruppe, die sich bereits im Jahr 1969 zusammenfand und gemeinsame naturkundliche Streifzüge in die heimatliche Umgebung unternahm, Vögel und andere Tiere beobachtete und erste Nistkästen aufhängte. Da es im Raum Kassel nur in Kaufungen/Kassel und Grebenstein Gruppen im damaligen Deutschen Bund für Vogelschutz (DBV) gab, schlossen sich die drei Gründer der Jugendgruppe, Reiner Boll, Manfred Claus und Heinz-Jürgen Schmoll der DBV-Gruppe in Grebenstein an, so konnte man sich an dem Programm der Gruppe beteiligen und erste Erfahrungen im Naturschutz sammeln.


Im Dezember 1970 gründete man dann die Jugendgruppe "Roter Milan - Hoof im Deutschen Bund für Vogelschutz", die zwei Jahre später bereits 24 Mitglieder zählte und noch im Herbst 1972 in die Ortsgruppe Schauenburg umgewandelt wurde. Auch in den Folgejahren ging es mit der Mitgliederentwicklung weiter aufwärts, nicht zuletzt wegen des sich stetig wandelnden Aufgabenfeldes im Naturschutz. Kümmerte man sich anfangs noch überwiegend um die Vogelwelt, hängte Nistkästen auf und führte die Winterfütterung der Vögel durch, so sorgten sich die Naturschützer um die Bachläufe und Heckenpflanzungen, führten die erste "Aktion Saubere Landschaft" sowie die ersten Altpapiersammlungen im Landkreis Kassel durch und machten Vorschläge zum Naturschutz und der Lebensraumverbesserung an die Gemeinde. Aber auch die Öffentlichkeitsarbeit durch regelmäßige Artikel in der Presse und Vortragsveranstaltungen war ein Schwerpunkt der Arbeit. Daneben wurde auch weiterhin eine Jugendgruppe durch regelmäßige Treffen und gemeinsame Aktionen unterstützt.


Veränderung der Arbeit
In diesen Jahren schon wandelten sich die Vereinsaktivitäten, da man erkannte, die Pflanzen- und Tierarten nicht isoliert, sondern als Teil der Biozönose zu schützen. Man plante erste Biotopschutzmaßnahmen und machte sich Gedanken zu Schutzgebieten, als es zu einer ersten großen Herausforderung für den noch jungen Verein kam. Die Gemeinde plante zusammen mit einem Investor ein großes Ferienhausgebiet mit 120 "Nurdachhäusern" auf Feuchtwiesen vor den Langenbergen zu errichten. Diese Fläche war durch das Vorkommen seltener Pflanzen- und Tierarten in Naturschutzkreisen bekannt. Über 300 Exemplare des "Breitblättrigen Knabenkrautes" und verschiedene Amphibienarten hatten dort ihren Lebensraum. Durch öffentliche Aktionen von Unterschriftensammlung bis zur Petition an den Landtag hatten schließlich Erfolg, der Investor gab auf, und das Gebiet ist heute unter Naturschutz gestellt. Dieser auch in der Öffentlichkeit wohl beobachtete Erfolg veränderte jedoch auch wesntlich den Verein. Das Tätigkeitsfeld wurde auf den Biotop- und Artenschutz aus-geweitet und man gab sich einen zutreffenderen Namen. Nicht mehr Vogelschutzverein, sondern Naturschutzverein sollte es künftig heißen. Aus dem Vogelschutzbund wurde bereits im Jahr 1974 der "Naturschutzbund Schauenburg".
Auch auf Bundesebene reifte die Notwendigkeit zur Namensänderung, aber erst 15 Jahre später erfolgte auch hier, ausgelöst durch den Zusammenschluss mit den ostdeutschen Landesverbänden, die Umbenennung in Naturschutzbund Deutschland, zufällig der gleiche Name, wie wir ihn zuvor ausgewählt hatten.


Biotopkartierung
Als sehr gute vorbereitende Naturschutzarbeit hat sich die Durchführung einer Biotopkartierung im Gemeindegebiet herausgestellt. Da die örtlichen Landschaftspläne meist keine ausreichenden und insbesondere keine praxistauglichen Entwicklungs-strategien enthalten, besteht hier die Möglichkeit für die örtliche NABU-Gruppe wichtige Weichen für die Zukunft zu stellen. Im Wirkungskreis unseres Vereins haben wir in den zurückliegenden Jahren für drei Gemeinden eine „Biotopvernetzungsplanung“ erstellt. Hierzu wurde zuerst eine Realnutzungskartierung des Gemeindegebietes auf Grund-lage von Flurkarrten (1:5.000) durchgeführt, hieraus entwickelten wir dann unter Einbe-ziehung einer Arbeitsgruppe mit Vertretern der Gemeinde, Landwirten und anderen Personen eine „Planungskarte zur Biotopsicherung und -vernetzung“.
sehr hilfreich war uns hierbei auch die Zusammenarbeit mit der Universität GhK Kassel, Fachbereich Landschaftsplanung, die es uns ermöglichte, Studenten im Rahmen eines Betriebspraktikums mit der Bearbeitung der Planung zu beauftragen. Nach Fertigstellung des Kartenwerkes wurde dieses dann der Gemeinde übergeben und ermöglicht seitdem sehr wirkungsvoll die unkomplizierte Umsetzung zahlreicher Naturschutzprojekte.


Nach der Fertigstellung der Biotopvernetzungskarte, der eine langfristige Naturschutz-strategie zugrunde liegt, versuchen wir nun daraus „Projekte“ zu entwickeln, die eine kurzfristigere Umsetzung ermöglichen. Hierzu erfolgten dann nähere Untersuchungen, die Erstellung einer Detailplanung, die Ermittlung der Grundstückseigentümer und die möglichen Realisierungswege. Diese „Projektplanung“ wird dann als Ergänzung dem Grundlagenwerk zur Biotopvernetzung beigefügt. Wir erreichen somit, dass diese Planung laufend aktualisiert wird und somit zum unverzichtbaren Bestandteil der kommunalen Naturschutzarbeit wird. Inzwischen haben auch schon die Fachbehörden (UNB und ARLL) sich unsere Planung als Grundlage für das regionale Landschafts-pflege- und Naturschutzkonzept zu Nutze gemacht.

Zusammenarbeit mit Landwirten und Jägern
Die örtliche Arbeit kann nach unseren Erfahrungen nur dann gut funktionieren, wenn mit allen Partnern eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit gepflegt wird. Neben der Gemeinde sind hier unbedingt die Landwirte zu nennen, aber auch andere Vereine und die örtlichen Jäger. Hierbei kommt es darauf an, dem Naturschutz ein positives Bild zu verleihen. Naturschutzarbeit muss in der Öffentlichkeitsarbeit so vermittelt werden, dass dies uneigennützig und somit für Natur und Mensch gleichermaßen notwendig ist. Die Landwirte als „Jagdgenossen“ und die Jägerschaft sollte man auf jeden Fall mit für die Ziele der Lebensraumverbesserung gewinnen. Hierzu sind Gespräche und gemeinsame Pflegeeinsätze sinnvoll, aber auch das Angebot zu einem Vortrag bei der Jagdgenossenschaftsversammlung oder dem Bauernstammtisch kann sich anbieten. Wirkungsvoll ist es auch, wenn man den Landwirten bei der Beantragung von Zuschüssen für Landschaftspflegemaßnahmen behilflich ist.

Artenkartierung Vogelwelt und Flora des Kasseler Raumes
Bereits seit einigen Jahren beteiligen sich auch Mitglieder der NABU-Gruppe an Artenkartierungen auf Kreisebene. Nachdem man bereits im Jahr 1970 das Buch

"Die Vogelwelt des Landkreises Kassel" herausgegeben hatte, war dann über mehrere Jahre die Erfassung der Flora Schwerpunktarbeit der Artenkartierung im Landkreis Kassel. Die Flora des Kasseler Raumes kann als die umfassendste Ausarbeitung zur Verbreitung der heimischen Pflanzen angesehen werden. Durch gezielte Schulung der Mitglieder müssen wir zukünftig erreichen, dass die Artenkenntnisse erweitert werden, um hierdurch unsere Naturschutzarbeit auch fachlich aufzuwerten. Zu der guten Weiterbildung der aktiven Mitglieder zählt auch, dass der Verein eine Fachbücherei schon seit 20 Jahren aufgebaut hat, aus der jedes Mitglied sich Bücher ausleihen kann, wo aber auch die Bücher für die Jugendarbeit inventarisiert sind.

Regelmäßige Treffen - "Naturschutzstammtisch"
Die örtliche Arbeit braucht aber auch die regelmäßigen Kontakte der örtlichen Mit-glieder, um neue Impulse für die Naturschutzarbeit zu erhalten. Aus diesem Grunde finden alle ein bis zwei Monate Naturschutztreffen statt, zu denen auch Nichtmitglieder eingeladen sind. Hierbei wird in lockerer Runde über so manches Naturschutzvorhaben und künftige Aktivitäten geredet.

Einsatz ZIVI und FÖJ - Probleme der Finanzierung
Seit nunmehr fast 10 Jahren beschäftigen wir in unserem Verein einen Zivildienstleistenden, der es uns ermöglicht, die umfangreichen praktischen Arbeiten im Naturschutz auch durchzuführen. Die Finanzierung versuchen wir durch die Übernahme von Pflegearbeiten sicherzustellen. Hierbei waren bisher die Landesprogramme wie HELP und IP sehr hilfreich. Zusätzlich wurden Arbeiten in Naturschutzgebieten und bei benachbarten Gemeinden mit übernommen. Notwendig ist es jedoch gewesen, für den Einsatz des ZIVI auch ein Transportfahrzeug bereit-zustellen, in dem auch Pflegeräte und Material befördert wurde. Wir müssen zur Erhaltung der Stelle jedoch sicherstellen, dass eine Grundfinanzierung durch die Gemeinde übernommen wird, da es uns sonst langfristig nicht möglich sein wird, die Kosten von ca. 10.000,-- DM je Jahr aufzubringen.
Auf Anregung unseres Vereins hat die Stadt Zierenberg seit drei Jahren eine Stelle im Rahmen des „Freiwilligen ökologischen Jahres“ (FÖJ) geschaffen, die es ermöglicht, dass unser ZIVI gemeinsam mit der „FÖJ-Praktikantin“ Pflege- und Planungsarbeiten durchführen. Diese Zusammenarbeit soll auch in den kommenden Jahres fortgesetzt werden.

Jugendarbeit ist unverzichtbar
Seit Beginn unserer Vereinsarbeit war die Jugendarbeit eine wichtige Arbeit unserer Gruppe. Fast ohne Unterbrechung haben wir eine Jugendgruppe mit Unterstützung verschiedener Mitglieder betreut. Obwohl es schwierig ist, die Kinder und Jugendlichen bei dem heute so vielseitig vorhandenen Angebot zu begeistern, zeigt es sich dennoch, dass praktische Tätigkeiten im Gelände, das Treffen in der eigenen Hütte, eine Jugendfreizeit in der Waldhütte oder eine Radtour, um nur einige Beispiele zu nennen, gern angenommen werden. Es ist jedoch schwierig, von Seiten der Erwach-senen auf die Bedürfnisse der Jugend richtig eingehen zu können. Daher hat es sich in den letzten Jahren gut bewährt, diese Arbeit zusammen mit dem Zivildienst-leistenden und der FÖJ-Praktikantin durchzuführen. Hier ist der Altersunterschied noch sehr gering und die Jugendlichen nehmen das Ihnen gebotene Angebot gut an.

Vereinsarbeit
Die allgemeine Vereinsarbeit hat sich in den zurückliegenden Jahren auf eine umfang-reiche Öffentlichkeitsarbeit durch regelmäßige Veröffentlichungen in der Gemeinde-zeitung, Vortragsveranstaltungen und Wanderungen konzentriert. Es zeigt sich jedoch zunehmend eine schwierige Einbeziehung der Mitbürger. Während noch in den 80er Jahren die Vorträge gut besucht waren, kommen heute teilweise nur 10 Personen zu einem Diavortrag eines Fachreferenten, eine wohl kaum noch zu vertretende Situation. Wir müssen daher für die Zukunft Veranstaltungen auf regionaler Ebene organisieren, andere Organisationen als Verbündete suchen (z.B. Landfrauen, Gartenbauvereine, Naturfreunde) und auch die Veranstaltungen auf Kreisebene absprechen. Erste Initiativen hierzu gibt es seit zwei Jahren unter Federführung des Naturschutzringes Nordhessen.

Ziel unseres Vereins war es auch immer, dem NABU zu einer flächendeckenden Organisation zu verhelfen. Hierzu wurden NABU-Gruppen in Nachbarorten, wenn dort bereits einige Mitglieder vorhanden waren. Vorteil dieser Organisationsform ist, dass man vorerst keine vereinsrechtlichen Dinge zu regeln braucht, ein gemeinsames Veranstaltungsprogramm aufstellt und auch eine gemeinsame Kasse mit einem höheren finanziellen Polster im Rücken hat. So sind bereits vier NABU-Gruppen gebildet worden, die in der Anfangsphase noch organisatorischer Bestandteil des NABU Schauenburg waren. Sofern es die Gruppe wünscht, ist man wie im Falle Bad Emstal jedoch jederzeit bereit, die Gruppe in ihre Selbständigkeit zu entlassen.


Lokale Agenda 21 - Möglichkeiten für den NABU vor Ort
Eine neue Initiative war im vergangenen Jahr, die Anregung zur Erstellung einer lokalen „Agenda 21“ an die Kommune zu tragen. Hierzu war uns die Mitarbeit unserer derzeitigen FÖJ-Praktikantin Andrea Burmeister sehr hilfreich, die bisher schon sehr viel Initiative in diese Arbeit gesteckt hat. Ein spezieller Artikel in diesem Heft „Naturschutz in Hessen“ stellt diese Aufgabe für das kommende Jahrhundert vor.
Wichtig erscheint mir nur, dass wir es erreichen müssen, dass die Gemeinde und andere gesellschaftliche Gruppen sich dieses Themas annehmen und wir nur an der Erstellung mitwirken. Es besteht sonst die Gefahr, dass wir sehr schnell die gesamte Organisation zur Erstellung einer Lokalen Agende 21 übertragen bekommen und dies wird unsere Leistungsfähigkeit bei weitem übersteigen. Die Aufgabe ist aber gerade wegen der sehr breit gefächerten Ansatzpunkte sehr reizvoll, und es werden sich sicher auch einige neue Aktivisten für unsere NABU-Arbeit im Rahmen der Agenda finden lassen.


Naturschutzprojekte und Flächenkauf
Zur Umsetzung unserer Biotopvernetzungsplanung ist es notwendig, dass an zahlreichen Stellen - dem Uferrand an Bächen und in den Auen, für Feldgehölze und Streuobstwiesen und Trockenrasen - Grundstücke gekauft und ggf. umgestaltet wer-den. Hierzu müssen wir die „öffentliche Hand“, also Gemeinden und Landkreis zum Kauf von Grundstücken bewegen. Es kann jedoch in Einzelfällen auch sinnvoll sein, vom NABU auch direkt Grundstücke zu erwerben. Als Grundeigentümer sind wir dann auch Mitglied der örtlichen Jagdgenossenschaft und können so die Zusammenarbeit in diesem Gremium ausbauen. Es muss jedoch bei allen Naturschutzvorhaben bedacht werden, dass wir mit der Aufnahme neuer Flächen auch neue Arbeit mit übernehmen. So ist es nach meiner Einschätzung nicht sinnvoll, in großem Stil Grünlandbereiche zu erwerben, wenn wir diese dann später auch selbst pflegen müssen. Hier sind Feucht-gebiete und auch Feldgehölze und Heckenstreifen wesentlich weniger arbeitsintensiv, was eine gute vorherige Planung der Aktivitäten voraussetzt.

In den vergangenen Jahren war es uns möglich, bereits einige Projekte aus der Biotopvernetzungsplanung umzusetzen. Zwei Großprojekte wurden im Rahmen von Ausgleichsmaßnahmen durch das Land Hessen finanziert, kleinere Projekte im Rahmen des Hess. Landschaftspflegeprogrammes (HELP) gefördert. Auch für die kommenden Jahre wird dies wenn auch mit geringeren Haushaltsmitteln, möglich sein.


Die Erfahrung von nun fast 30 Jahren Naturschutzarbeit auf örtlicher Ebene zeigt mir, dass es sinnvoll und notwendig ist, diese Form der Umweltvorsorge auf unterer Ebene auf jeden Fall fortzuführen. Es bedarf großer Anstrengungen auch in Zukunft, um die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit zum Schutz unseres Lebensraumes zu über-zeugen, und wir müssen es erreichen, dass auch die Kinder schon mit diesen Themen konfrontiert werden.

So wird es sicher auch in Zukunft die Aufgabe unserer NABU-Gruppe sein, den einge-schlagenen Weg fortzusetzen und neue Ideen zu entwickeln.

(Artikel für Heft 2 Naturschutz in Nordhessen 11/97,   Heinz-Jürgen Schmoll)